Mindestlohn für Praktikanten? – Ein Kommentar von Susanne Hencke

– von Susanne Hencke –

Susanne Hencke, Personalverantwortliche bei Convensis

Grundsätzlich finde ich die Entscheidung für einen Mindestlohn in Deutschland richtig. Trotz aller berechtigter Einwände und Kritik an der Einführung, glaube ich, dass die positiven Effekte überwiegen werden. Es gab zu viele Jobs, von denen die Menschen nicht mehr leben konnten. Vor allem im gewerblichen Sektor ist es daher richtig, dem Dumping-Preis-Druck etwas entgegenzusetzen. Abgesehen davon halte ich einen Mindestlohn für Praktika aber verfehlt. Dabei ist die Intension ja durchaus begrüßenswert: Auch Praktikanten sollen von ihrer Arbeit leben können. Zumal, wenn sie ihr Studium abgeschlossen haben und eigentlich in einem echten Job ihre Berufslaufbahn beginnen könnten. Und natürlich gibt es die schwarzen Schafe unter den Unternehmen, die Praktikanten ausgebeutet und ihnen wenig geboten haben. Für diese Unternehmen ist der Mindestlohn ein Regulativ, das zu begrüßen wäre. Wir gehen aber davon aus, dass hier das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde. Für die meisten war das Praktikum eine Win-Win-Situation: Unternehmen bieten einem jungen Menschen die Möglichkeit, sich zu orientieren, auszuprobieren und sich in Projekten zu beweisen. Er bekommt dafür ein Experimentierfeld, eine professionelle Begleitung, Weiterbildungen und eine Aufwandsentschädigung, die mal höher und mal niedriger ausfiel. Wir konnten demgegenüber Projekte realisieren, die wir manchmal ohne Praktikanten nicht angestoßen hätten und konnten über einen längeren Zeitraum prüfen, wie jemand arbeitet.

Nicht selten ging ein Praktikum bei uns direkt in ein Volontariat über. Leben konnten die meisten sicher nicht von ihrem Praktikantengehalt, aber darum ging es den meisten auch nicht. Sie wollten Erfahrungen sammeln, so vielfältige wie möglich. Dementsprechend resultiert unserer Erfahrung nach Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Praktikum nicht aus der Höhe des Gehalts, sondern vor allem aus der Vielfalt und der Attraktivität der Aufgaben oder der Güte der Begleitung. Das wird auch weiterhin so sein, vielleicht noch mehr, als vorher. Denn nun wird es zwangsläufig einen Umbruch geben im Markt – und dieser wird sich auf Kosten der Studenten vollziehen. Den Mindestlohn zu bezahlen lohnt sich wohl nur für die Branchen, in denen ein Praktikant wenig Einarbeitungszeit braucht, um als mehr oder weniger vollständige Arbeitskraft seinen Lohn wieder zu erwirtschaften. Für alle anderen gibt es unterschiedliche Szenarien:

  1. Da Praktika, die zur Ausbildung gehören, nicht mit dem Mindestlohn vergütet werden müssen, werden manche Unternehmen diese anbieten. Leider sind die Praktika in den Studienordnungen meist nur über einen Zeitraum von ein bis drei Monaten vorgeschrieben. Für einarbeitungsintensive Branchen wie der unseren bedeutet dies, dass die Aufgaben, die in den kurzen Zeiträumen übernommen werden können, weder besonders abwechslungsreich noch verantwortungsvoll werden können.
  2. Viele aber werden auch davon Abstand nehmen, weil der Betreuungsaufwand in keinem Kosten-Nutzen-Verhältnis zu den Ergebnissen eines solchen Praktikums steht. Einige Unternehmen haben bereits angekündigt, keine Praktika mehr anzubieten. D. h., es fallen viele Praktikumsstellen ersatzlos weg; es wird wohl schwieriger werden, in Deutschland ein Praktikum abzuleisten. Das könnte nicht zuletzt auch Konsequenzen für den Wirtschaftsstandort Deutschland haben, denn haben ausländische Firmen das Potential der Praktikanten erkannt, werden sie sie nicht mehr gehen lassen wollen, genauso, wie wir das nicht mehr wollten.
  3. Die Unternehmen, die Praktika mit Mindestlohn anbieten, werden diese sicher mit anderen Voraussetzungen und Erwartungen besetzen, denn der Aufwand muss sich lohnen, die Kosten mit dem Ertrag gedeckt werden. D. h., die jungen Leute haben keine Möglichkeit mehr, einfach mal reinzuschnuppern, sich zu orientieren. Sie müssen, vor allem liefern und leisten.

Convensis hat noch keine endgültige Entscheidung getroffen, denn noch sind im Zusammenhang mit dem Gesetz zu viele Unklarheiten zu beseitigen sowie die verschiedenen Optionen mit der gebotenen Sorgfalt zu prüfen, bevor eine für uns passende Lösung gefunden werden kann.

Unter den jetzt anvisierten Bedingungen werden wir uns Praktikanten nicht mehr leisten können. Trotzdem werden wir wohl bis auf Weiteres Praktika anbieten, mit der einen oder anderen oben genannten Konsequenz. Denn wir können und wollen nicht auf das Potential verzichten, das durch einen guten Praktikanten erschlossen werden kann. Andererseits sehen wir es als Arbeitgeber auch als unsere Pflicht an, jungen Menschen diese Chance zu bieten.

Insofern hoffen wir, dass der Bundestag seine Entscheidung noch einmal überarbeiten wird, unter Berücksichtigung der von den verschiedenen Berufsverbänden eingebrachten Kritikpunkte und Vorschläge. Andererseits stehen die Hochschulen in der Pflicht, ihre Studienordnung an die veränderten Bedingungen anzupassen. Sie sollen unbedingt mindestens vier- bis sechsmonatige Praktika vorschreiben, damit die Studenten überhaupt eine Chance haben, praktische Erfahrungen in Deutschland sammeln zu können. Dies ist nicht zuletzt auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland wichtig.

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