Was ist eigentlich aus dem QR-Code geworden?

Vor wenigen Jahren prangte er noch auf jeder Plakatwand, auf Tassen, Wasserflaschen, T-Shirts, Visitenkarten und in jeder Zeitung.

Jedes Unternehmen ließ sich einen QR-Code erstellen und packte ihn überall hin, wo es noch ein Eckchen Platz gab. Sehr viele Smartphone- nutzer hatten die App heruntergeladen, um die Codes entschlüsseln zu können und sich auf die entsprechende Seite leiten zu lassen.

– von Susanne Hencke –

Unternehmen, die sich modern und besonders digital präsentieren wollten, nutzten jede Gelegenheit, QR-Codes nach dem Motto „Wer mehr erfahren will, nutzt den QR-Code“ in ihr Marketing einzubinden. Meist war der Code mit einer URL hinterlegt und verwies auf die Homepage des Unternehmens. Als man dies dann einige Male ausprobiert hatte, merkte man, dass man gar keinen Code brauchte, um auf eine Website zu gelangen, die möglicherweise direkt neben dem QR-Code aufgeführt wurde. In den meisten Fällen erwies sich der Code als sinnlos und überflüssig.

In einer nichtrepräsentativen Umfrage in meinem Umfeld erfuhr ich deshalb auch, dass kaum noch jemand die QR-Scanner-App auf dem Telefon hat. Meine Recherche in Magazinen und auf Plakatwänden ergab allerdings, dass es den QR-Code nach wie vor noch gibt.

QR-Code im Marketing

Natürlich haben Marketingabteilungen schnell den Mehrwert des QR-Codes erkannt. Man kann dahinter Datenmengen und Informationen verstecken, die auf anderen Wegen zu kompliziert zu kommunizieren sind. Links auf Homepages, zu Videos, Kontaktdaten, Geodaten, Telefonnummern, ja sogar Textpassagen lassen sich codieren – darin liegt aber auch genau die Crux!

Denn häufig erwiesen sich die „Hintergrundinformationen“ als nutzlos. Etwa, wenn, wie bereits erwähnt, die URL der angestrebten Homepage direkt neben dem Code angegeben wird. Unnütz auch dann, wenn die URL nicht lang und kompliziert, sondern kurz und prägnant ist und nicht durch einen komplizierten Scanvorgang umgangen werden muss. Im schlimmsten Fall leitet der QR-Code auf eine Homepage, die als Flash programmiert wurde und auf iPhones gar nicht angezeigt werden kann – oder die Seite ist nicht mobil optimiert.

Auch die Botschaft selbst kann sich als ungeeignet für ein QR-Code-Scannen erweisen. Wer stellt sich schon gerne vor eine Plakatwand, auf der für Kondome oder Mittel gegen Warzen, Fußpilz oder Inkontinenz geworben wird und scannt seelenruhig den Code ein, hinter dem sich weitere Informationen befinden könnten.

Manchmal verhindert aber auch die Örtlichkeit der Botschaft den durchschlagenden Erfolg.

Wunderlich fand ich schon immer die Codes, die auf der Rückseite eines PET-Flaschenetiketts angebracht waren. Meist hat es der Scanner nicht durch das milchige Plastik geschafft, oder er ist an der Rundung gescheitert. Schön auch riesige Codes auf Plakatwänden, für die man drei bis vier Schritte nach hinten gehen musste (also meist auf die Straße), um sie scannen zu können, oder sie waren so klein rechts unten auf dem Plakat angebracht, dass das Scannen zu unschönen Verrenkungen führte.

Ärgerlich sind die Codes etwa auf beweglichen Objekten, die es per definitionem verhindern, ein Smartphone mehrere Sekunden auf einen Code halten zu können. Schwierig erweisen sie sich außerdem in U-Bahnhöfen, in denen man keinen Empfang hat. Man sollte also in der Mediaplanung bereits genau berücksichtigen, wie und wo der Code genau auftauchen wird.

Am allerwichtigsten scheint es mir aber, echten Mehrwert zu bieten.

Foto: Balazs Gal
Foto: Balazs Gal

Wenn ich mir schon die Mühe mache und einen Code einscanne, dann möchte ich einen echten Vorteil daraus ziehen. Vielleicht kann eine Statistik oder Studie mein Informationsbedürfnis stillen, oder es gibt ein lustiges Video zum Thema. Wenn ich den Code eines Produkts aus einem Online-Shop scanne, möchte ich es auch direkt kaufen können. Grandios hat dies z. B. die Supermarktkette Tesco umgesetzt, die in einer U-Bahn einen Online-Supermarkt installierte. Auf den riesigen Plakatwänden können die Menschen die QR-Codes der Artikel scannen, sie in einen virtuellen Warenkorb legen und dann kaufen. Geliefert wird direkt oder nach Vereinbarung.

Foto: StZ, B. Weißbrod

Toll finde ich außerdem die Idee der Stadt Stuttgart, QR-Codes auf Promigräbern anzubringen, um den Besuchern Informationen über den Verstorbenen an Ort und Stelle liefern zu können.

Auch die Initiative von Mercedes-Benz ist zu unterstützen, mit der sie die Rettung von Unfall- opfern sicherer und schneller machen will. Am Mercedes-Benz-Pkw wird dazu ein QR-Code angebracht, der den Rettungskräften eine Rettungskarte für jeden Fahrzeugtyp auf das Display liefert. Sie enthält sämtliche Angaben, die erforderlich sind, um Verletzte rasch zu retten.

Gänsehaut bekomme ich beim Gedanken, über einen QR-Code ein Konzert verfolgen zu können, dass vor Jahren am Holocaust-Mahnmal in Berlin gegeben wurde. Wie die damaligen Besucher der Uraufführung kann man sich dann frei im Denkmal bewegen und den verschiedenen Klangerlebnissen lauschen.

Moralisch grenzwertig, aber sehr erfolgreich nutzte die Hamburger Werbeagentur Scholz & Friends den QR-Code. Sie suchte für ihre Digital-Einheit netzaffine, neuester Technologie gegenüber aufgeschlossene und kreative Nachwuchskräfte. Mit dem Lieferservice „Croque Master” entwickelte die Agentur die Pizza Digitale – eine Pizza, die einen QR-Code aus Tomatensoße zeigt. Wer diesen mit seinem Smartphone scannte, landete direkt auf der Website mit dem Stellenangebot. Vier Wochen lang wurde die „Pizza Digitale” an ausgewählte Hamburger Werbeagenturen, zusätzlich zu deren Bestellung, ausgeliefert. Das Ergebnis: Zwölf Bewerbungsgespräche und zwei neue Digital-Teams für Scholz & Friends Hamburg.

Fazit meiner kleinen Studie: mit echtem Mehrwert für den User ist der QR-Code ein tolles Marketinginstrument und wird daher wohl nicht völlig von der Bildfläche verschwinden. Allerdings wird er es nach der anfänglichen Euphorie und der daraus entstandenen Enttäuschung schwer haben, sich noch einmal im Alltag durchzusetzen. Das funktioniert nur über Zusatznutzen.

Ich allerdings habe mir jetzt gleich erstmal wieder einen Scanner aufs Smartphone geladen und probiere in nächster Zeit mal wieder rum.

 

 

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